Erlebnisbericht Friedrich Glas

Konzentrationslager Jarek, in der Wassergasse, Spätsommer im Jahre 1945

Nach dem Tode meiner zweijährigen Schwester wurde auch ich lethargisch. Ich konnte vor Ekel und Schwäche fast nichts mehr essen. Das Wenige an Essen, das als Tagesration verteilt wurde und in der Lagerküche abgeholt werden musste, eine schleimige Gerstensuppe, meistens noch immer ungesalzen, mit ekelerregenden Beilagen wie Maden und anderes Ungeziefer, ohne Fett, konnte ich nicht mehr hinunterwürgen. Ich blieb meistens stumm den ganzen Tag über auf dem Strohlager in der Stube der früheren Sommerküche des Bauernhauses liegen.
Ich wusste es noch nicht, aber intuitiv spürte ich, dass die Zeit der Kindheit, die Zeit der Obhut und Geborgenheit in der Großfamilie für mich vorbei ist. Ich wäre nicht mehr auf die Beine gekommen, wäre da nicht der Peter gewesen.

Plötzlich trat der Peter wieder in mein Leben. Wir sind zusammen aufgewachsen und in die gleiche Klasse der Volksschule gegangen. In den ersten Monaten hier im Lager hatten wir uns aus den Augen verloren. Nunmehr war er im Nachbarhaus untergebracht. Seine Großmutter und sein Onkel waren bereits im Lager verhungert. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Johann musste er sich allein im Lager durchschlagen und versuchen zu überleben.

Der Peter war dann die Triebfeder aller unserer Unternehmungen. Er brachte mich wieder auf die Beine. Er brachte mir auch bei, dass ich nach dem Tode meiner Schwester weiter leben muss und jetzt für meinen wesentlich jüngeren Cousin, Karl Lang, zu sorgen hätte, nach dem Motto: Ich für meinen Bruder, du für deinen Cousin.

Zusammen waren wir über Tage hinweg im Lager auf der Suche nach etwas Essbarem unterwegs. Im Speicher eines Hauses entdeckten wir Sonnenblumenkerne, fast einen Sack voll. Was für ein Fund! Tagelang waren wir damit beschäftigt, die Kerne mit den Zähnen aufzubrechen, egal ob geröstet oder roh. Der Verzehr der Sonnenblumenkerne milderte das quälende, permanente Hungergefühl. Hätte es im Lager eine Meisterschaft im Aufbrechen der Sonnenblumenkerne und Ausspucken der Schalen gegeben, wir wären Meister geworden.

An manchen Tagen sind wir beide am Fischteich vorbei Richtung Süden aus dem Lager geschlichen, um Kartoffeln, Tomaten und andere Früchte auf den umliegenden Feldern zu stehlen. Meistens vergeblich. An Fleisch und Brot sind wir jedoch nicht rangekommen, da die verstreut liegenden Sallasche von Serben bewohnt waren, von denen keine Hilfe zu erwarten war.

Am 3. August 1945 verstarb meine Großmutter mütterlicherseits. Obwohl sie eine Kämpfernatur war, hatte sie sich von den Schlägen nach einem missglückten Bettelgang aus dem Lager nicht mehr erholt und ist auch auf erbärmliche Weise verhungert.

Am 22. August 1945 starb auch Peters Bruder Johann. Auch er ist verhungert! Er starb im Alter von sechs Jahren! Der Tod seines Bruders hatte dem Peter sehr weh getan und ihn sehr mitgenommen.

Wir beide waren uns darüber im klaren, dass, wenn wir überleben wollten, wir auf uns allein angewiesen sind. Von meinem Großvater und von meiner Tante konnte ich keine Hilfe mehr erwarten. Beide waren bereits zum Skelett abgemagert und so geschwächt , dass sie kaum noch gehfähig und dadurch nicht mehr in der Lage waren, ihre tägliche Essensration aus der Lagerküche selbst abzuholen.

Wieder war der Peter der aktivere, der den Gedanken hatte, für mehrere Tage aus dem Lager abzuhauen, um in einem den Volksdeutschen freundlich gesonnenen Ort Lebensmittel in größeren Mengen zu organisieren. Dafür kam als nächstgelegener Ort nur Temerin mit den dort lebenden Ungarn in Frage.

Jetzt galt es zu überleben. Der Herbst stand vor der Tür, im Lager konnte nichts Essbares mehr aufgetrieben werden, und an eine Entlassung war nicht zu denken.

Der Peter und ich waren uns einig, dass wir im Norden des Dorfes, in der Nähe der Mühle, nach einem Schleichweg aus dem Lager nach Temerin suchen mussten.1)

Niemand aus unserem näheren Bekanntenkreis durfte etwas von unserem Vorhaben wissen, denn es bestand die Gefahr des Verrates. Verräter wurden durch die Partisanen mit nahrhaftem Essen und Vertrauenspositionen belohnt. Und einige meiner Landsleute waren zu Verrätern geworden, nur um die eigene Haut zu retten, koste es was es wolle.

Unbemerkt von anderen Lagerinsassen beobachteten wir die Gegend um die Mühle. Vom Süden kommend, lag die Mühle links, also westlich von der Hauptgasse. Bis zu der noch weiter westlich gelegenen Hanffabrik war das Gelände eben und übersichtlich. Dort war an ein Durchkommen nicht zu denken. Wir orientierten uns etwas nach Osten.

Aus dem nördlichsten Eckhaus der Spitalgasse beobachteten wir über die breite Gasse hinweg die gegenüberliegende Notari-Hutweide und insbesondere das daran anschließende letzte Haus.

Östlich davon, im ersten Haus der Äußeren Reihe waren bewaffneten Posten untergebracht. Von dort kontrollierten sie die breite und übersichtliche Gasse nach Westen hin bis zu dem allein östlich von der Notari-Hutweide stehenden Haus, Haugs Hambar genannt. Im letzten Haus auf der linken Seite der Hauptgasse, zur Hanffabrik hin, waren die nächsten bewaffneten Posten untergebracht. Diese patrouillierten über die Hauptgasse hinweg nach Osten ebenfalls bis kurz vor Haugs Hambar.

Soweit wir das Gelände während des Tages beobachten konnten, ging kein Partisan bis zu Haugs Hambar. Wenige Meter davor machten sie kehrt. Die einen gingen nach Westen die anderen nach Osten zu ihren Patrouillenhäuschen zurück.

Dort also, zwischen Haugs Hambar, der Notari-Hutweide und dem letzten Haus war das Schlupfloch!

Eines Tages täuschten wir Flucht vor und gingen in aufrechter Haltung über die Gasse Richtung Notari-Hutweide. Zu unserem Erstaunen blieb der vorgetäuschte Ausbruchsversuch ohne Folgen. Kein Posten schien uns zu bemerkten, nichts rührte sich. Wir waren uns einig, wenn wir unbemerkt aus dem Lager raus und nach unserem Bettelgang wieder unbehelligt hineinkommen wollten, dann nur hier.

Über unseren beabsichtigten Bettelgang nach Temerin waren nur meine Tante und mein Großvater eingeweiht. Der Peter war bereits am Vorabend zu uns ins Zimmer gekommen, um nicht aufzufallen, wenn er nachts seine Unterkunft verlässt.

Gegen vier Uhr weckte uns meine Tante. Ohne uns zu verabschieden machten wird uns auf den Weg. Nachdem wir das nördlichste Eckhaus in der Spitalgasse erreicht hatten, beobachteten wir die gegenüberliegende Notari-Hutweide und das daran anschließende letzte Haus. In der Dunkelheit war nichts zu erkennen. Was für uns noch wichtiger war, war die Tatsache, dass auch nichts zu hören war. Auf der gegenüberliegen Seite der breiten Gasse herrschte absolute Ruhe. Niemand schien unterwegs zu sein.

Wir im Lager hatten bereits früher beobachtet, dass man versteckte Posten provozieren musste, um sie aus ihrem unsichtbaren Versteck zu locken, wenn man nicht blindlings ins Verderben laufen wollte.

Verabredungsgemäß gingen wir bis zur Mitte der Gasse, blieben stehen und gingen wieder zum Eckhaus zurück Nichts war zu bemerken. Es herrschte völlige Stille. Ich ging nochmals allein auf die Gasse und wieder zurück. Absolute Stille. Westlich von uns, zur Mühle hin und im Haus der Äußeren Reihe, also östlich von unserem Standpunkt, brannte Licht. Das war normal. Dort waren die Posten untergebracht. Da nichts zu hören war, mussten wir annehmen, dass diese nicht auf einem Patrouillengang, sondern in der Stube im Postenhaus waren.

„Peter, komm, gehen wir.“ Ich ging voraus, über die Gasse, auf das Haus neben der Notari-Hutweide zu. In der Dunkelheit war nur die Silhouette des Hauses zu erkennen. Es herrschte absolute Stille. Der Peter war in Kontaktnähe hinter mir. Ich hatte bereits den Toreingang zum Haus etwas geöffnet, als unmittelbar neben uns, so als ob die Stimme aus dem Boden kommen würde, wie ein Peitschenknall,  „Stoj!“ gerufen wurde.

Völlig überrascht blieben wir wie angewurzelt stehen. Weitere Befehle folgten. Obwohl wir diese nicht verstanden, hoben wir die Hände und traten ein oder zwei Schritte von dem Toreingang zurück. Einen Augenblick lang kam mir der Gedanken durch den wenig geöffneten Toreingang zu fliehen. Ich hätte es wahrscheinlich geschafft. Aber der Peter? Der stand ja hinter mir! Der wäre nicht mehr heil durch den halb geöffneten Toreingang gekommen.

Mit erhobenen Händen, vor Angst erstarrt, sah ich dann einen Partisanen unmittelbar neben uns vom Boden aufstehen. Ein Zweiter folgte. Jetzt erkannte ich, dass beide zuvor unter einer Tarndecke gelegen hatten. Dadurch waren beide so perfekt getarnt, dass wir in der Dunkelheit fast über die beiden gestolpert wären, als wir uns an das Haus anschlichen.

Eine Taschenlampe leuchtete auf. Der Lichtkegel erfasste zuerst den Peter. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Dann leuchtete man mir ins Gesicht. Beide Partisanen sprachen in drohendem Ton auf uns ein. Doch wir konnten kein Wort verstehen, da wir nicht serbisch sprachen.

Einer der Partisanen sucht uns nach Waffen ab. An eine Flucht war jetzt nicht mehr zu denken. Im Schein der Taschenlampe sah ich zu meinem Entsetzen, dass beide Partisanen mit gezogenen Pistolen rumfummelten. Sie wechselten untereinander einige Sätze. Beide schienen sehr aufgeregt zu sein. Es war noch immer stockdunkel.

Nach längerer Diskussion trieben uns die beiden Partisanen, weiterhin mit gezogenen Pistolen, auf der Strasse Richtung Mühle. Mit der Taschenlampe leuchteten sie den Weg aus. Nachdem wir die Hauptgasse erreicht hatten, mussten wir nach Norden abbiegen. Gegenüber der Mühle waren Wachposten untergebracht. Das Haus war beleuchtet. Der Posten vor dem Haus wurde auf uns aufmerksam. Nach Zuruf der Parole durch einen der  Partisanen wurden wir in den Lichtschein zum Wachhaus vorgelassen. Die beiden Partisanen wurden erkannt und mit großem Hallo begrüßt. Wir wurden in das Wachhaus abgeführt. Im Innenhof brannte ebenfalls Licht. Wir mussten in die Wachstube. Grölendes Gebrüll schlug uns entgegen. Die Luft war rauchgeschwängert. Schnapsgeruch umwehte uns.

Die beiden Partisanen, die uns gefangen hatten, wurden wieder freundschaftlich von allen Anwesenden begrüßt und ihnen sogleich vollgefüllte Schnapsgläser gereicht. Mit erhobenen Händen mussten der Peter und ich in einer Ecke der Stube stehen bleiben.

Eingehend werden wir gemustert. Alle sprachen durcheinander. Die Männer waren stark betrunken. Sie brüllten uns an. Stellten Fragen und erwarteten Antworten. Dass wir nicht serbisch sprachen und ihre Fragen nicht beantworten konnten, reizte ihren Zorn. Es hagelte Ohrfeigen.

Einer der Partisanen tastete unsere Geschlechtsteile ab. Anscheinend wollte er sich überzeugen, ob wir auch wirklich Jungs waren. Den Mädchen im Lager wurden nämlich die Haare ebenfalls kurzgeschnitten. Mangels anderer Kleidung liefen einige Mädchen in Knabenkleidern herum. Nach der äußeren Erscheinung konnte man deshalb ein Mädchen von einem Knaben nicht sofort unterscheiden.

Nach einiger Zeit schulterten die beiden Partisanen wieder ihre Gewehre. Die Pistolen waren in den Pistolentaschen verstaut. Zusammen mit ihnen verließen wir das Wachhaus und wurden auf der Hauptgasse Richtung Kommandantur abgeführt. Das Lager schien menschenleer. Niemand war zu sehen, kein menschlicher Laut zu hören.

Vor der Kommandantur angekommen, gaben sich die beiden Partisanen durch Zuruf der Parole zu erkennen. Es gab eine längere Diskussion zwischen dem Wachposten der Lagerkommandantur und einem unserer Partisanen. „Die bringen uns in den Keller“ flüsterte der Peter mir zu. Den Keller kannte ich bereits; was Haft in der Kommandantur bedeutete, wusste ich auch. Trotzdem wäre ich froh gewesen, wenn wir in den berüchtigten Keller eingesperrt worden wären. Das aufgeregte Verhalten der beiden Partisanen ließ nichts Gutes erwarten.

Wir wurden vom Wachposten der Kommandantur abgewiesen. Plötzlich und ohne Vorwarnung schlugen die beiden Partisanen mit den Fäusten auf uns ein. Fluchend trieben sie uns auf der Hauptgasse wieder nach Norden zurück. Die Mühle kam bereits in Sichtweite. Zu meiner Überraschung führten sie uns nicht dorthin ins Wachhaus, sondern zu der Stelle zurück, an der sie uns gefangen hatten. Die Tarndecke lag noch dort. Beide warfen ihre Gewehre darauf, fluchend, aufs äußerste gereizt.

Es war fast hell geworden. Der Morgen kündete einen schönen Spätsommertag an. Das gegenüberliegende Eckhaus in der Spitalgasse war klar zu erkennen. Unser Ausgangspunkt. So nahe und für uns doch unerreichbar. „Mein Gott“, dachte ich „wenn die uns doch nur laufen ließen“.

Die beiden Partisanen trieben uns in das Haus neben der Notari-Hutweide. Die Gewehre lagen draußen auf der Tarndecke. Das war ein gutes Omen! Durch den Vorhof trieben sie uns über den Hinterhof Richtung Garten. Der Garten war völlig verwildert, ohne Zaun zum Nachbargrundstück. Rechts neben uns lag die Notari-Hutweide, vor uns waren die Hinterhöfe der Häuser in der Maulbeergasse zu erkennen. Wir waren außerhalb des Lagers.

„Die lassen uns laufen“ flüsterte der Peter mir zu. Und tatsächlich, beide Partisanen deutete durch Handbewegungen an, dass wir gehen sollten. Richtung Norden. Richtung Temerin. Nichts an der Haltung der beiden Partisanen deutete auf Gefahr hin. Die Pistolen waren in den Pistolentaschen.

Erleichtert drehten wir von den beiden ab, wandten ihnen den Rücken zu und gingen durch das hohe Gras Richtung Norden. Der Peter war einige Schritte vor mir.  Ich ging etwas seitlich hinter ihm. Er wurde schneller.  Nur weg, weit weg von hier! In der Stille des Morgens hörte ich hinter mir ein metallisches Geräusch. Im Gehen schaute ich zurück zu den beiden Partisanen – und mit lähmenden Entsetzen sah ich, dass beide Partisanen mit den Pistolen auf uns zielten. Breitbeinig standen sie etwa vier bis fünf Meter hinter uns.

„Peter“! schrie ich, “Peter, die schießen!!!“ Instinktiv drehte ich nach links ab, um in Richtung Mühle zu fliehen. Um die Fluchtmöglichkeit abschätzen zu können, schaute ich nochmals zu den Partisanen zurück. Ein gewaltiger Schlag traf meinen Hals, durchschlug ihn, schleuderte meinen Kopf nach vorne und ließ mich torkeln.
Der Peter hatte sich umgedreht und schaute zu den beiden Partisanen. Blitzschnell erkannte er die tödliche Gefahr. Die Augen vor Schreck weit aufgerissen, konnte er jedoch nicht mehr reagieren. Eine Kugel traf ihn in die Brust. Verzweifelt griff er mit beiden Händen nach seiner Brust.
Im Torkeln traf mich ein zweiter Schlag in der rechten Lende. Die Kugel durchschlug meinen Körper und traf noch Peters rechten Oberschenkel.
Die Wucht der Einschläge riss mich zu Boden. Im Fallen, mit beginnender Bewusstlosigkeit, sah ich noch, dass der Peter nochmals in die Brust getroffen wurde. Auf dem linken Bein balancierend, in einer grotesken Körperhaltung, griff er mit einer Hand zum Oberschenkel und mit der anderen an seine Brust.

Eine bleierne Dunkelheit erfasste mich, umschloss mich, hüllte mich ein, trug mich in ein schwarzes Loch des Todes. Im Weggleiten aus dem Leben, spürte ich noch wie sich mein Darm entleerte. Den Aufprall auf die Erde nahm ich nicht mehr wahr.

Gras, taufrisches Gras. Herber Geruch nach Erde. Erde? Leben? Ich erwachte zum Leben! Im Gras liegend, Gras und Erde im Mund, so kam ich wieder zu mir. Plötzlich war ich hellwach. Kein Schmerz zu spüren. Klare, konzentrierte Gedanken. Sofort erfasste ich ganz sachlich, was geschehen war. Ich hörte jedes Geräusch. Ohne die Augen zu öffnen, wusste ich, dass die Partisanen weg waren. Ich hörte es! Jetzt galt es kühlen Kopf für die Flucht zu bewahren.

Der Peter bewegte sich! Ganz deutlich konnte ich hören, dass sich der Peter bewegte. „Peter“ flüsterte ich in seine Richtung, „Peter, lebst du?“ Er antwortete mit einem klaren „Ja!“
„Peter, kannst du aufstehen?“ Wieder antwortete er völlig klar. „Ich weiß es nicht. Mein rechtes Bein ist weg!“ Seine Stimme war plötzlich nicht mehr klar. Ein eigenartiges Kluckern und Röcheln war zu hören. Ich richtete mich auf. Dann sah ich den Peter im Gras liegen. Aus Löchern in seinem Rock quoll Blut. Verzweifelt schaute er mich an.
„Peter, komm, wieder hauen ab!“ Ich kniete bereits im Gras und schaute zu ihm hinüber. Er versuchte sich aufzurichten. Es gelang ihm nicht. Sein Blick verklärte sich. Er starrte in die Unendlichkeit. Mich nahm er nicht mehr wahr.

Plötzlich fing er an zu schreien. Aus voller Leibeskraft schrie er nach seiner Mutter. Ich versuchte noch zu warnen. „Peter, nicht schreien! Die Partisanen hören es!“ Es half nicht. „Mama…Mama…“ schrie er weiter. Seine Stimme vibrierte. Panische Angst hatte ihn erfasst.

Auf der Gasse hörte ich Schritte. Sofort begriff ich, dass die Partisanen zurückkommen. Ich warf mich in meine ursprüngliche Liegestellung zurück und stellte mich tot. Ich hörte Schritte näher kommen. An den Schritten konnte ich feststellen, dass es nur ein Partisan war.

Der Peter schrie weiter. Unwahrscheinlich laut erklang sein Schrei nach seiner Mutter. „Mama!!! Mama!!! Mama!!!“ Ich hörte, wie Blut aus seinen Lungen floss.

Der zurückgekommene Partisan stand unmittelbar neben mir. Mit der Stiefelspitze stieß er mir an den Kopf. In dieser Sekunde schrie der Peter wieder auf. „Mama!!! Mama!!!“

Aus nächster Nähe schoss ihm der Partisan in den Kopf! Der Schrei ging augenblicklich in ein Röcheln über. „Ma…“ war noch zu hören, dann trat Todesstille ein.

Am Vibrieren des Bodens merkte ich, dass sich der Partisan entfernte. Fluchend verließ er den Ort seines Verbrechens.

Peter Kendl, nach dem Beruf seines Vaters, der Schlosser war, in Bulkess auch der „Schlosser-Peter“ genannt, war tot.
Er wurde am Morgen des 14. September 1945 ermordet!
Sein Leben währte nur 12 Jahre, 8 Monate und 25 Tage.  

Geretsried, den 14.September 2004

Friedrich Glas