Karl Weber: Wie ich das Ende von Bulkes erlebte
Erinnerungen des damals 11-jährigen Karl Weber
An diese Zeit sind in mir als damaliges Kind noch erstaunlich viele Erinnerungen wach geblieben. Mein Elternhaus (Nr. 62) lag schräg gegenüber dem Gemeindehaus, Schulunterricht hatten wir keinen mehr, ich hatte das Geschehen überwiegend hautnah miterlebt. In unserem Haus mussten wir immer wieder Partisanen, aber auch sonstiges durchziehendes Gesindel beherbergen und z. T. auch verköstigen. Schließlich übernachteten auch die 18 Partisanen bei uns, die uns am 15. April 1945 aus unseren Häusern trieben.
Schwerwiegende Entscheidungen
Unsere Familie war nicht geflüchtet. Sie taten sich mit der Entscheidung nicht leicht. Am 11. Oktober verließ bekanntlich der erste Flüchtlingstreck Bulkes in Richtung Gajdobra. An diesem Tag spannte mein Großvater früh am Morgen die Pferde ein, lud beide Schwiegertöchter und uns Enkelkinder (ohne meinen damals 15-jährigen Bruder Nikolaus) auf den Wagen und fuhr über Silbasch und Parage nach Parabutsch. Dort waren mein Vater und mein Onkel, wie fast alle Bulkeser der III. Aktion, stationiert. Er wollte mit ihnen entscheiden, ob wir flüchten sollten. Ich erinnere mich, dass in den genannten serbischen Dörfern viele Menschen auf der Straße waren und schweigend unseren Weg verfolgten.
An diesem Tag wurde die Einheit nach Gajdobra verlegt. Wir fuhren mit ihnen an der Bahnlinie Gajdobra-Kula entlang, wo einige Kilometer vor Gajdobra eine schwer beschädigte Lokomotive auf den Schienen stand. Unsere Familie entschied sich nicht zu flüchten und wir machten uns gegen Abend auf den Heimweg. Am Ortsrand von Gajdobra kam uns die Wagenkolonne des ersten Bulkeser Flüchtlingstrecks entgegen. Dabei kam es auch zur wohltuenden Versöhnung zwischen Frau Maria Klein und meiner Tante Elisabeth Weber. Sie waren ja Nachbarn, hatten aber aus „politischen Gründen“ lange keinen Kontakt mehr gehabt.
Auf einem der Wagen saß auch mein Bruder Nikolaus. Großvater wollte ihn unbedingt mit nach Hause nehmen, aber Nikolaus überredete ihn, dass mein Vater in Gajdobra die Entscheidung treffen sollte. Auch dieser wollte ihn wieder zurückschicken. Schließlich gab er dem Drängen meines Bruders nach und sagte mit Tränen in den Augen – geh! Es ist uns überliefert, dass es für Vater und Großvater in ihren Todesstunden, in den Lagern Vrdnik und Jarek, ihr einziger Trost war, dass sie Nikolaus damals seines Weges ziehen ließen.
Kurz bevor die Russen kamen, traf mein Vater, wie weitere rund 50 Bulkeser der III. Aktion, zu Hause ein. Sie hatten ihre Einheit, wo sie noch nicht eingekleidet waren und noch keine Waffen hatten, etwa auf dem Weg zwischen Hodschag und Bezdan verlassen, um bei ihren Familien zu sein.
Russen in Bulkes
Es war wohl der 25. Oktober 1944 als die ersten russischen Soldaten Bulkes erreichten. Sie kamen mit ziemlich armseligen Pferden und Wagen und spannten zunächst den aus dem Feld heimkehrenden Landwirten die Pferde auf der Straße aus und ließen die zum Teil voll beladenen Wagen stehen. Das geschah vorwiegend in der Dorfmitte zwischen Gemeindehaus und Kirche. Mein Großvater schickte mich sofort aufs Feld, um meinem Vater die Lage mitzuteilen und zu warnen, er solle mit den Pferden zu Familie Katerle am Rande des Dorfes fahren, was mein Vater dann auch tat.
Ich erinnere mich, dass des öfteren Russen zu uns zum Abendessen kamen, vermutlich waren sie vom Gemeindeamt bei uns „eingeteilt“. Dabei dolmetschte unser „Palospat“ (er hieß Jonas Pal) recht gut. Diese Russen benahmen sich in unserem Hause ordentlich. Andererseits wollten mehrere, wohl stark betrunkene Russen, tief in der Nacht unser stabiles Eingangstor aufbrechen. Mein Vater und „Palospat“ hielten mit einer Querstange dagegen und „evakuierten“ meine Mutter und unser Lenchen sowie mich aus den vorderen Räumen, wobei sie mich zunächst vergessen hatten. Die Russen versuchten es auch an den Fenstern, aber die waren zu hoch und eine Leiter hatten sie nicht dabei.
Soweit ich mich erinnere, waren die Russen etwa zwei Wochen in unserer Gemeinde. Da aber bei uns immer andere zum Essen kamen, nehme ich an, dass es sich um durchziehende Russen handelte, die jeweils nur kurz in Bulkes weilten.
Plünderungen
Wir hatten nicht mehr lange Freude an unseren Pferden, denn schon kurz nach dem Eintreffen der ersten Russen kamen zahlreiche Andersnationale, bei uns waren es laut „Palospat“ Slowaken, um aus den Häusern vieles zu holen, was ihnen gefiel. Auch die Bitten von „Palospat“, unseres treuen slowakischen Knechtes, der seinerzeit im Jahre 1898 schon von meiner Ur-Ur-Großmutter eingestellt wurde und bereits 46 Jahre bei uns im Hause war, konnten nicht verhindern, dass er zusammen mit meinem Vater und Großvater hilflos und mit Tränen in den Augen die Plünderungen erdulden musste, besonders als ein Slowake mit einem bewaffneten Begleiter ohne Umschweife in den Pferdestall ging und unsere hochträchtige Stute aus dem Hause führte. Ich glaube, dass dieses Erlebnis der Anfang vom Ende meiner Kindheit war. Den Täter könnte ich heute noch beschreiben.
Partisanen und sonstiger Pöbel im Gefolge der Russen
Die vielen, meist unmenschlichen Erlebnisse in dem halben Jahr, vom Eintreffen der Russen bis zur Austreibung aller Bulkeser am 15. April 1945, haben sich tief in mir eingeprägt.
In dieser Zeit glich unser Haus einem Taubenschlag. Es waren wohl etwa hundert Nächte, in welchen bis zu 20 fremde Menschen in unserem Haus übernachteten, fast alle in der Zeit nach dem 16. November 1944, wo mein Vater und mein Großvater schon weggetrieben waren. Dabei schliefen meine Mutter und Lenchen fast immer in der Nachbarschaft, oft ließen sie sich bei den ungebetenen Gästen gar nicht blicken. Die Hauptlast lag bei unserem „Palospat“. Der konnte mit seinem Slowakisch und etwas Russisch sich mit allen verständigen und hatte ein Gespür, mit diesen verschiedenartigsten Menschen umzugehen. Jedenfalls erinnere ich mich nicht an stark Betrunkene oder irgendwelche größere Beschädigungen am Mobilar.
Restarbeiten auf dem Felde
Die Plünderungen waren so umfangreich, dass am Ende im ganzen Dorf nur noch wenige, ich glaube es waren 13, halbverreckte Pferde blieben. Die konnte man anfordern, um das Feld zu beackern. Wir bekamen eines für etwa eine Woche, das immerhin den von „Palospat“ nicht zu tief eingestellten Pflug schaffte. Das Umgraben des Gartens auf dem Sallasch war für den damals 66-jährigen nicht allzu kräftigen „Palospat“ und für mich keine leichte Arbeit.
Auf dem Nachbar-Sallasch blieb unsere Dorfnachbarin Elisabeth Elicker immer in Sichtweite, sie ging des öfteren am Morgen und am Abend mit uns aufs Feld hinaus und zurück.
Eines Abends, als wir zum Dorfe zurückgingen, es war noch nicht dunkel, sahen wir, dass wieder eine Gruppe, diesmal waren es Mädchen und Frauen, aus Bulkes weggetrieben wurden und uns in Richtung Tscheb entgegen kamen. Elisabeth Elicker hatte Angst, mitgenommen zu werden und versteckte sich an einem Sallasch. Sie konnte sich später nicht beruhigen als sie hörte, dass ihre beste Freundin dabei war und sie sich nicht von ihr verabschiedet hatte. Sie konnte nicht ahnen, dass sie einige Wochen später beide in die UdSSR deportiert wurden.
Der erste Akt der Austreibung
Ich erinnere mich noch gut, wie Vater und Großvater am 15. November 1944 abends aus dem Feld kamen und meine Mutter ihnen sagte, dass sie im Gemeindehaus vorsprechen sollten. Mein Vater wollte es gleich hinter sich bringen und ging noch vor dem Abendessen und vor dem Waschen die paar Schritte über die Straße. Mein Großvater war müde, reinigte sich und ging erst nach dem Abendessen. Als sie nicht kamen, gingen wir ins Gemeindehaus, um nach ihnen zu sehen. Dort sagte man uns, sie seien in der Schule. Wir glaubten immer noch, dass sie bald zurückkommen würden. Erst zu fortgeschrittener Nachtzeit stellten wir fest, dass man sie dort eingesperrt hatte und sie am nächsten Morgen mit Kleidung und Essen für einige Wochen Arbeitsdienst versorgt werden konnten.
Der Abmarsch der 140 Männer und der drei Frauen am nächsten Morgen vom Gemeindehaus die Zweite Gasse hinunter, in Dreier- oder Viererreihen von bewaffneten Partisanen umgeben, glich einem Trauerzug. Angehörige begleiteten ihre Lieben betroffen und stillschweigend ein Stück des Weges. Dass es für alle ein Weg ohne Wiederkehr und für viele, die nicht überlebten, ein Abschied von ihren Angehörigen für immer werden würde, wie auch bei meinem Vater und Großvater, ahnte wohl niemand.
Das Unfassbare: Die Deportation von 215 Bulkeser Frauen in die UdSSR
Auch dieses Geschehen erlebte ich hautnah mit. Beim Abtransport der ersten 77 Frauen im Alter von 18-30 Jahren war auch unser herzensgutes Lenchen (Holze) dabei. Der Abschied vollzog sich bei uns im Haus, ihre kranke Mutter konnte beim Packen nur tatenlos zusehen.
Einige Tage später, als die Frauen von 31 bis zu 40 Jahren weggetrieben wurden, schien das Schicksal für mich noch härter zuzuschlagen, denn auch meine Mutter sollte dazugehören. Bei dieser Aktion wurden letztlich 120 Frauen aus der Mitte ihrer Familien gerissen, fast alle ließen unmündige Kinder zurück. Für Nichtbetroffene ist ein solcher Seelenschmerz wohl kaum zu ermessen.
Aber es wurden nicht alle Frauen aus diesem Altersbereich weggetrieben. Diese Ausnahmen bestimmte der ehemalige Bulkeser Militärreferent Milutinovic, der wieder aufgetaucht war. Er war der starke Mann in der Gemeinde und wurde von mehreren älteren Männern und von dem deutschen Bulkeser Kommunisten Franz Wolf (Haus Nr. 408) beraten. Alle Frauen mussten sich in einem bestimmten Raum im Gemeindehaus melden. Viele versuchten Argumente vorzubringen, um nicht weg zu müssen, aber nur wenigen war Erfolg beschieden.
Ich, sowie „Palospat“, wollten mit meiner Mutter den Raum betreten, aber wir beide fanden uns schneller vor der Tür als wir hinein kamen. Kurze Zeit später kam auch meine Mutter weinend heraus, verfolgt von wüsten Schreien des Serben Milutinovic und sagte, dass sie weg müsse. Wir gingen heim über die Strasse und packten. Palospat und ich drängten sie, es noch einmal zu versuchen. Sie traute sich nicht mehr, aber wir beide drückten sie zur Türe hinein. Diesmal blieb der Diktator ruhiger und hörte zu, als sie ihm sagte, dass mein Vater nicht beim Militär, sondern schon in Neusatz interniert sei und noch einiges andere. Daraufhin fragte er Franz Wolf, ob dies alles stimme. Als dieser bejahte, schlug er mit seinem Lederriemen auf den Tisch und schrie, sie könne heimgehen und dableiben, aber sie sei die letzte Ausnahme. Wieder kam sie weinend heraus, aber diesmal mit Tränen der Erleichterung, die dann auch bei „Palospat“ und mir reichlich flossen.
Die endgültige Austreibung und das Ende von Bulkes
In den restlichen dreieinhalb Monaten waren in unserem Hause, wie schon erwähnt, laufend Räume belegt. So u. a. für drei Wochen die Kommandantur einer Partisaneneinheit. Etwa ab Mitte Februar mussten wir noch zusätzlich die junge Frau eines Partisanen mit Kind und ihrer Mutter aus Opatovac aufnehmen, sie belegten Großvaters Stube und Küche. So ging es bis zum 14. April weiter. Diesmal kamen gegen Abend 18 bewaffnete Partisanen. Sie begnügten sich samt ihrem Kommandanten mit drei Räumen und trugen „Palospat“ auf, sie um fünf Uhr zu wecken, weil sie früh weg müssten. Sie brachen dann auch früh auf und wir waren froh, wieder unter uns zu sein.
So gegen acht Uhr sahen wir mehrere Personen mit Rucksäcken vorbeigehen. Wir öffneten das Fenster und sie sagten uns, dass wir alle weg müssten. Wir waren vermutlich mit die letzten, die es erfuhren. Nachdem wir schnell einige Sachen gepackt hatten, kamen auch schon die uns bekannten Partisanen und wiesen uns aus dem Haus.
So gegen Mittag dürften 1200 Personen auf der Hutweide gewesen sein. Die nicht Gehfähigen wurden nach und nach mit den Wägen herbeigefahren, dabei wurden einige mit dem Leintuch vom Wagen auf die Hutweide gekippt.
Dann wurde ein Tisch aufgestellt, hinter dem Partisanen als lebende Wand zwei Gruppen auseinander hielten. An diesem Tisch mussten alle vorbei, um in zwei Gruppen geteilt zu werden. Die eine wesentlich kleinere Gruppe waren die Personen, die man als arbeitsfähig ansah, am Ende waren es knapp 350. Die andere Gruppe waren alle Nichtarbeitsfähigen, Kinder bis zu etwa 14 Jahren, Kleinstkinder mit Müttern und alte Menschen.
Als meine Mutter und ich an den Tisch kamen, beschwerte sie sich beim Kommandanten, weil er uns vorher nicht Bescheid gesagt hatte und wir deshalb nur ganz wenig mitnehmen konnten. Darauf sagte er sinngemäß in verständlichem Deutsch: Alles was ihr habt nehmen wir Euch jetzt sowieso weg. Aber Du sollst nicht sagen, dass ich undankbar bin. Du kannst Deinen Buben, den ich jetzt von Dir trennen müsste, mitnehmen!
Ich glaube, wenn es einen Film gäbe von dem, was sich an diesem Tage dort auf der Hutweide mit nicht zu beschreibenden Szenen des Auseinanderreißens von Menschen abspielte, wäre das ein einprägsamer Lehrfilm für Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Wir „Arbeitsfähigen“ wurden im Gasthaus Bauderer (Haus Nr. 34) und im Haus der Familie Kendl (34a) einquartiert, das Krankenrevier war im Haus der Familie Neidhöfer (34c). Ich blieb, wie die meisten, neun Wochen. Hier einige Zeilen über diese Zeit:
Das ganze Dorf wurde ja an einem Tag von den letzten noch verbliebenen rund 1270 Menschen geräumt. Bis auf wenige Anwesen, wo noch einzelne andersnationale Knechte oder die seit Wochen zugezogenen serbischen Familien wohnten, waren die Häuser menschenleer. Wir konnten uns oft frei bewegen und betraten dabei viele Häuser. Allerdings mit sehr zwiespältigen Gefühlen. Tore und Türen waren nicht verschlossen und es sah oft so aus, als wenn die Menschen noch darin wohnten. Es hatte auch nicht den Anschein, dass seit der Räumung von Bulkes viel geplündert wurde. Hunger brauchten wir nicht zu leiden, unsere Lagerköchinnen bekamen genügend Nahrungsmittel.
Im Arbeitslager Bulkes
Wir wurden täglich zu wechselnden Arbeiten eingeteilt. Nach relativ kurzer Zeit begann die Räumung der Häuser offiziell und wir mussten beim Zusammenfahren von Wäsche, Bettsachen usw. helfen. Ein Teil von uns wurde jeweils zu Feldarbeiten, andere zum Viehfüttern eingeteilt. Die Gänse wurden alle zusammen in den Grundlöchern zwischen der ersten Gasse und dem Neudorf gehalten. Dort wurde ich für etwa zwei Wochen eingeteilt, die Gänse mitzuhüten. Meine Aufgabe bestand darin, die Straße an „Küsters Bad“ zu bewachen. Weil die ganze Sache langweilig war, „sperrte“ ich die Straße für die Gänse, indem ich Leitern, Bänke und Tische aus den Häusern holte und sie quer über die Straße legte. Das war machbar, weil da nie ein Wagen vorbei kam. Somit hatte ich Gelegenheit, zu Valentin Elicker zu gehen, der die Straße an „Martins Eck“ zu bewachen hatte. Der machte es ähnlich und wir konnten „Häuser besichtigen“. So gesehen hatten diese ersten Wochen der Lagerzeit auch etwas abenteuerliches für uns Buben.
Mit den Hunderten unbrauchbaren Hunden machte der Schinder kurzen Prozess. Er fing sie ein und band sie mit einer Schlinge um ihren Hals an den Wagen. Die Hunde wollten nicht weg, zogen an der Schlinge und dabei sich selbst die Gurgel zu. So zog er dann die verendeten Tiere am Wagen hängend durch die Straßen.
Obwohl es den Umständen nach hätte offensichtlich sein müssen, dass wir endgültig unserer Heimat beraubt waren, glaubten wir immer wieder nur allzu gerne den Gerüchten, „am kommenden 1. oder 15. des Monats“ wieder heim zu dürfen.
Ich kam mit vielen anderen Ende Juni, kurz bevor die 5000 Griechen kamen, in die Gemarkung Palanka zu Feldarbeiten, meine Mutter musste in Bulkes bleiben, sie kam später nach Neusatz ins Lager. Die Letzten des Bulkeser Lagers kamen im Februar 1946 nach Palanka.